Geschichte Harlekins Berlin ’98 –
Saison: 2017/2018

Saison 2017/2018: Bundesliga & Pokal
Vor dem Saisonbeginn stand erstmal ein großes Jubiläum in der Sommerpause an, denn Hertha BSC feierte am 25. Juli 2018 den 125. Vereinsgeburtstag. Da lange vorher klar war, dass die Geschäftsführung von Hertha kein Interesse an einer gemeinsamen Feier mit der Fanszene hat, wurde die Initiative von den Ultras selbst ergriffen. Für den Abend des 25. Juli mieteten wir das Olympiastadion, um zusammen mit rund 2.500 Herthanern an diesem Montagabend pünktlich um Mitternacht gemeinsam in das Jubiläum zu feiern. Mit einer großen Pyroaktion im gesamten Stadion, Gesängen und Bier in der Ostkurve wurde auf 125 Jahre Hertha BSC angestoßen, ehe es wenige Tage später zur selbst organisierten Jubiläumsfeier ging. Für den Abend nach dem Testspiel gegen den Liverpool FC hatte die „Ostkurve Hertha BSC“ zur großen Feier anlässlich des Vereinsgeburtstags gerufen und die Lokalität platzte an diesem Samstagabend aus allen Nähten. Aus Sicherheits- und Kapazitätsgründen konnten nur rund 1.000 Eintrittsbändchen im Vorverkauf für die Feier abgesetzt werden, die Nachfrage war jedoch deutlich höher und wahrscheinlich hätten wir auch die doppelte Anzahl an Gästen begrüßen können. Bis in die frühen Morgenstunden wurde der 125. Geburtstag der Alten Dame zelebriert und im Nachgang sprachen nahezu alle Besucher von der besten Party in der Geschichte unserer Fanszene.

Nach der ganzen Feierei stand dann irgendwann auch das erste Spiel der neuen Saison an und mit Hansa Rostock in der ersten Pokalrunde stellte sich uns ein Gegner von Format in den Weg. Für etwa 900 Herthaner ging es am Montagnachmittag per Sonderzug an die Ostsee, wobei es ab der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern Begleitung durch einen Hubschrauber und verschiedene Polizei-Einheiten auf dem Landweg gab. Der Rest der rund 2.500 Herthaner nutzte Busse und PKW zur Anreise. Der ausverkaufte Gästeblock trat geschlossen in weißen T-Shirts (Motiv: Berliner Bär mit dem Pokal) auf und begann schon vor dem Spiel sich einzusingen. Außerdem gab es vor Spielbeginn ein Spruchband mit der Aufschrift „Gegen Kollektivstrafen!“ und gemeinsame Gesänge mit der Heimseite gegen den DFB. In der Folge entwickelte sich ein heißes Gesangsduell, in welchem wir sehr gut bestehen konnten. Immer wieder wurden während der Partie einzelne Fackeln angerissen und der Support war teilweise brachial laut. Zu Beginn der zweiten Hälfte wurde dann eine Zaunfahne zum 125-jährigen Jubiläum von Hertha BSC präsentiert und mit jeder Menge Fackeln der Eckblock zum Leuchten gebracht. Der Support konnte anschließend an die sehr gute erste Hälfte anknüpfen, endete jedoch etwa eine Viertelstunde vor Abpfiff abrupt. Denn in der 75. Minute präsentierte die Südtribüne das Spruchband „Kein Angriff auf Hansafans bleibt ungesühnt!“, breitet danach die gestohlene Zaunfahne „Ostkurve Hertha BSC“ aus und zündete diese an. Nach diesem Schock wurden die eigenen Fahnen eingepackt und es flogen mehrere Leuchtspurgeschosse in den Heimblock, ehe sich kurz darauf ein größerer Mob hinter dem Gästeblock formierte und versuchte ein großes Rolltor zur Südtribüne zu öffnen um auf die Heimtribüne vorzudringen. Daraufhin griffen BFE-Einheiten ein und prügelten den Mob zurück in den Block. Der Frust saß so tief, dass nun noch einige Böller in Richtung Spielfeld geschossen wurden und das Spiel für einen Großteil der anwesenden Herthaner gelaufen war. Der 0:2 Auswärtssieg und der Einzug in die 2. Pokalrunde wurde somit zur absoluten Nebensache…

Die Zaunfahne „Ostkurve Hertha BSC“ wurde 2014 bei einem Einbruch in einen gesicherten Lagerraum im Olympiastadion geklaut. Das Spruchband „Kein Angriff auf Hansafans bleibt ungesühnt!“, welches vor der Präsentation der geklauten Fahne gezeigt wurde, gab es mit dem gleichen Wortlaut schon im Jahr 2012 von Rostock zu sehen. Der Grund war damals ein Messerangriff auf einen Hansa Ultra am Berliner Hauptbahnhof nach dem Spiel FC Hansa Rostock – Karlsruher SC, wobei eine Verbindung des Angreifers zur Fanszene von Hertha BSC damals ausgeschlossen werden konnte, was auch in einem persönlichem Gespräch mit einem Vertreter der Rostocker Ultras geklärt wurde. Von einer gestandenen und bis zu diesem Tag respektierten Fanszene wie Rostock hätten wir, trotz einiger Gerüchte im Vorfeld, eine Reaktion auf diesem Niveau nicht erwartet.

Unter diesem Eindruck fiel der Start in die neue Saison schwer, trotzdem stand nur fünf Tage später das 1. Heimspiel auf dem Plan. Für dieses Spiel gegen Stuttgart wurde bereits in den Wochen zuvor eine große Jubiläumsaktion angefertigt. Die Ostkurve startete in die Saison zum 125. Vereinsgeburtstag mit einer riesigen Wimpel-Choreo. Zuerst wurden in Ober- und Unterrang etwa 20.000 blaue und weiße Fahnen im Streifenmuster geschwenkt. Dann wurde im Vordergrund, aus dem Graben vor der Ostkurve heraus, ein überdimensionaler Wimpel mit dem „125 Jahre Hertha BSC“ Jubiläumslogo der Fanszene am Dach hochgezogen. Zum Abschluss der Aktion wurden am Oberrang noch die Jahreszahlen „1892“ und „2017“ per Goldfolie dargestellt. Mit dem Ergebnis der Aktion waren wir zufrieden, der Support an diesem Samstag konnte trotz eines 2:0 Heimerfolgs aber nicht vollständig überzeugen.

Im zweiten Spiel der Bundesligasaison gab es dann gleich die zweite Choreo, wobei das Motto wieder der 125. Vereinsgeburtstag war. Der Stehplatzblock in Dortmund wurde mit blauen und weißen Fähnchen ausgestattet und in der Mitte wurde ein Traditionstrikot als Blockfahne hochgezogen. Das Trikotmotiv war ein Entwurf der „Ostkurve Hertha BSC“, welches im Laufe der Saison in großer Auflage innerhalb der Fanszene verkauft wurde, wobei die Trikots reißenden Absatz fanden. Vor dem Block wurde dazu die Jubiläumsfahne „Hertha B.S.C. seit 1892“ gezeigt, welche ihre Premiere bei der Stadionfeier hatte und auch schon in Rostock zur Pyroaktion präsentiert wurde. Auch dieses Motiv wurde von der Fanszene entworfen und zu Saisonbeginn als Schal angeboten. Trotz aller optischen Elemente und der Unterstützung von rund 3.000 – 4.000 Herthanern konnten keine Punkte aus Dortmund mitgenommen werden.

Die nächsten beiden Partien, zuhause gegen Bremen und auswärts in Hoffenheim, endeten jeweils mit einem 1:1 Unentschieden. Begleitet wurden die ersten Heimspiele von einigen Spruchbändern gegen den DFB und die DFL, denn unsere Gruppe bzw. unsere Fanszene beteiligte sich an den bundesweiten Protestaktionen. Um die Ostkurve zu informieren, luden wir vor dem Heimspiel gegen Bremen zu einer Info- und Diskussionsrunde ins Olympiastadion ein. Bereits um 12:30 Uhr fanden sich rund 400 Herthaner in der Ostkurve ein. Die Anwesenden wurden über den Ablauf der Ereignisse und die weiteren Protesten informiert, wobei es zu einem konstruktiven Austausch zwischen Ultras, Fanclubs und Einzelpersonen kam.

Ein Wechselbad der Gefühle gab es in der Ostkurve dann beim Heimspiel gegen Leverkusen, denn eine offensiv und druckvoll aufspielende Hertha gab es in den letzten Jahren selten im Olympiastadion zu bestaunen. Und der Mut der Mannschaft wurde belohnt, Hertha führte schnell mit 2:0, gewann am Ende 2:1 und die Ostkurve rundete diesen Mittwochabend mit der entsprechenden Fußballatmosphäre ab. Einen sehr emotionalen Moment erlebte dann rund 800 Herthaner noch nach dem Abpfiff des Spiels, als die „Dynamic Supporters Berlin“ zum letzten Mal ihre Zaunfahne einpackten und per Beschallungsanlage die Einstellung ihrer Aktivitäten als Ultragruppe verkündeten. Die selbst gestellten, hohen Ansprüche an eine Ultragruppe konnten sie nach eigener Einschätzung nicht mehr erfüllen und wählten deshalb diesen konsequenten Weg. Die meisten Mitglieder werden der Fanszene von Hertha aber weiterhin erhalten bleiben und die Alte Dame auch in Zukunft begleiten. Von unserer Seite gab es zu diesem Anlass noch ein Spruchband in Richtung unserer Brüder: „Die Momente bleiben für immer, danke für 12 geile Jahre!“

Das dritte Auswärtsspiel der Saison fand in Mainz statt, wobei Hertha sich erschreckend schwach präsentierte und mit einer 1:0 Niederlage wieder nach Hause geschickt wurde. Das Gegenteil davon erlebten dann über 71.000 Zuschauer beim Heimspiel gegen den FC Bayern, wobei die Gäste in der ersten Hälfte noch die Oberhand hatten. Doch zwei Tore in nur fünf Minuten im zweiten Durchgang verwandelten das Olympiastadion und ganz besonders die Ostkurve in ein Tollhaus. Somit wurde aus einem 0:2 Rückstand am Ende noch ein 2:2 gegen den Rekordmeister. Doch irgendwie war keine Konstanz in der Mannschaftsleistung erkennbar, denn das nächste Heimspiel gegen den FC Schalke ging verloren. Sang- und klanglos mussten wir uns den Gästen geschlagen geben, die auf allen Ebenen überlegen waren. Trotzdem nutzten wir den Besuch der Schalker, um einen Seitenhieb in Richtung „Ultras Gelsenkirchen“ in Bezug auf ihre letzten Choreos auszuteilen. Das Spruchband „Eine Choreo für 120.000€? Kumpel- und Malocherclub…“ zielte zum einen auf das selbst gepflegte Image des Arbeitervereins, aber auch auf unser Selbstverständnis von Ultras und Choreos ab.

Auswärts in Freiburg, traditionell wurde das weiteste Auswärtsspiel von Hertha natürlich auf einen Sonntag terminiert, gab es wieder keinen Sieg für unsere Hertha, ehe nur drei Tage später der 1. FC Köln in Berlin zum Pokal gastierte. Dass jeder Herthaner den Traum vom Pokalfinale im eigenen Stadion träumt, muss hier wohl nicht weiter erklärt werden. Doch es kam, wie es kommen musste! In der 64. Spielminute führten die Kölner schon mit 0:3, was für einige heftige Reaktionen in der Ostkurve sorgte. Der Stachel der beiden Niederlagen in Östersund und Lemberg saß noch tief und dann kam noch das, wieder mal, frühe Ausscheiden im Pokal dazu. Spätestens in diesem Augenblick verhärtete sich der Eindruck, dass die beiden Pokalwettbewerbe in dieser Saison im eigenen Verein eigentlich keine Beachtung finden und die Spiele völlig leidenschaftslos hergeschenkt werden. Nach dem Abpfiff der Partie schafften es dann einige Ultras in den Innenraum, wo es am Spielertunnel ein kurzes Wortduell mit dem Trainer und einigen Spielern gab. Zudem gelangten dann noch rund 100 Leute auf die Geschäftsstelle von Hertha, wo es noch eine heiße aber sachliche Diskussion mit vier jungen Spielern, dem Trainerteam und dem Manager gab. Der Rest der Mannschaft hatte offensichtlich nicht den Mumm, sich dieser Konfrontation zu stellen! Einen medialen Aufschrei gab es nach der Partie allerdings nicht wegen des frühzeitigen Ausscheidens im Pokal, sondern wegen des Spruchbands „Domplatte for one – Selbst an Silvester tanzt eure Schwester alleine!“ in der Ostkurve. Der Spruch war ein satirischer Seitenhieb und Konter gegen die „Wilde Horde“, die bei den letzten Duellen mit Sprüchen in unsere Richtung geschossen hatte. Die Folgen dieses Abends sollte uns noch die gesamte Saison begleiten, denn fast alle Leute die den Innenraum betreten hatten bekamen ein Stadionverbot von Hertha. Betroffen davon war auch einer der beiden standardmäßigen Vorsänger, zudem wurde später noch ein Spruchbandverbot gegen unsere Gruppe bis zum Ende der Hinrunde ausgesprochen.

Das Heimspiel gegen den Hamburger SV wurde dann genutzt, um die gesamte Ostkurve darauf einzuschwören, dem Team eine Gnadenfrist zu geben und bei diesem wichtigen Spiel die bestmöglichste Unterstützung zu bieten. Passend dazu gab es bereits zum Aufwärmen der Mannschaft das Spruchband „Wer die Fahne trägt, hat die Pflicht – Kämpft für sie!“ Das Vorhaben der bedingungslosen Unterstützung klappte auch ziemlich gut. Zudem wurde von uns nochmal das in den Medien zerrissene Spruchband gegen die Kölner aufgenommen, indem ein „Wir entschuldigen uns bei allen Kölnern…“ und später dann ein zusätzliches „Für den Schreibfehler!“ in der Ostkurve gezeigt wurde. Unsere Form von medial geforderter Entschuldigung und humorvoller Aufarbeitung des eigenen Schreibfehlers im Spruch gegen die „Wilde Horde“.

Der Rest der Hinrunde ging relativ ereignisarm vorbei. Ab dem Heimspiel gegen Mönchengladbach mussten wir auf einen der beiden Vorsänger am Mikro verzichten, wobei bei diesem Spiel sogar noch die Stimme des anderen Vorsängers versagte. Nach kurzem Chaos sprangen in der zweiten Hälfte dann zwei „alte Hasen“ aus unseren Reihen ein und heizten den Mob an. Zudem wurden einige jüngere Vorsänger an die Aufgabe herangeführt und probieren sich seit dieser Saison am Megafon. Darüber hinaus führten wir gegen die Fohlen zum wiederholten Male die Aktion „Hertha wärmt!“ durch und konnten auch dieses Mal das Lager der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof komplett auffüllen. Unser Einsatz erzeugte riesige Freude in den Augen der Verantwortlichen, was sehr schön anzusehen war.

Konstante Leistungen auf dem Rasen blieben in der kompletten Hinrunde aus. Gegen Mönchengladbach gab es zuhause mit einem 2:4 derbe auf den Sack, in Köln feierten wir an einem Sonntagabend einen 0:2 Auswärtssieg. Nach dem Sieg gab es dann noch etwas Aufregung am Parkplatz, als einige Kölner noch einen Angriff versuchten. Es kam aber nur zu einem kurzen Kontakt, denn neben den Kölnern war auch die Polizei schnell zur Stelle. Nach diesem Sieg folgte aber auch schon wieder die nächste Niederlage, daheim verlor unsere Hertha mit 1:2 gegen Frankfurt. Rund um dieses Spiel blieb es in diesem Jahr ruhig, die Polizei hatte mit einem Großaufgebot ab dem frühen Morgen alles im Griff. Zwischenzeitlich war auch das Aus in der Europa League fix, was das Stimmungsbarometer unter den Herthanern nicht positiv beeinflussen konnte. Zu all dem Ärger kamen noch die Terminierungen in der Bundesliga dazu, denn alleine in der Hinrunde mussten wir bei sechs von acht Auswärtsspielen am Sonntag antreten. Wenn dann auch noch Distanzen von mehreren hunderten Kilometern pro Strecke zu bewältigen sind, dann kostete dass in der Situation natürlich Leute, die sich solche Termine in Hoffenheim, Augsburg oder Freiburg klemmen. Das sind dann eben die Nachteile, wenn man im Europacup spielen darf! Wer daheim Frau oder Kinder hat und am Montagmorgen wieder auf der Arbeit antreten darf, überlegt sich dreimal ob er am Sonntag zum x-ten Mal in die Arena an der Schnellstraße nach Augsburg fährt. Schade, teilweise aber auch durchaus verständlich. Trotzdem lautet unser Ziel Alt und Jung zu vereinen und auch die Motivation bei den Alten weiter am Leben zu halten. An solchen Tagen sind dann die jungen Generationen aber umso mehr gefordert, die Kohlen aus dem Feuer zu holen und einen qualitativ und quantitativ guten Mob auf die Beine zu stellen. Doch im Rückblick fällt auf, dass das nach unserem Selbstverständnis in dieser Saison zu selten der Fall war. Hier muss der Fokus in Zukunft wieder viel mehr auf die oberste Priorität gelegt werden: Präsenz bei allen Spielen! Das betrifft sowohl die Jungen aus den Ultragruppen, aber auch die Leute aus dem Umfeld und generell den Nachwuchs der Ostkurve Hertha BSC!

Gegen Ende der Hinrunde kam zu den katastrophalen Terminierungen noch das Pech hinzu. Auf dem Weg nach Augsburg erwischte uns der Wintereinbruch auf der A9, so dass die 9er-Kolonne erst zur Halbzeit am Stadion eintraf. Ähnlich lief es auf dem Weg nach Leipzig, dort sorgte allerdings ein defekter Bus für eine erhebliche Verspätung. Entschädigt wurden wir an diesem Abend von der Mannschaft, welche sich in einen Rausch spielte und die Werbetruppe aus Leipzig mit 2:3 vom Platz wirbelte. Auch in diesem Jahr konnten wieder einige Spruchbänder in den Gästeblock geschmuggelt werden. „Leipziger Demokratie: Zahlen? Ja! – Mitbestimmung? Nein!“ und „Leipziger Demokratie: Legida und RB!“ spielten dabei auf die Tradition der Leipziger Montagsdemos an, denn die Stadt Leipzig war zur Wendezeit eine Hochburg des Widerstands gegen die DDR-Führung.

Die Winterpause ließ wenig Zeit zum Durchschnaufen, denn der Konflikt zwischen Ultras und Teilen der Fanszene auf der einen und der Geschäftsführung auf der anderen Seite, hatte sich im Laufe der Hinrunde noch weiter zugespitzt. Die Kommunikation mit Herthas Geschäftsführung wurde schon im Januar 2017 eingestellt, doch im Laufe dieser Saison entwickelte sich ein echter Kleinkrieg zwischen unserer Gruppe und der Geschäftsführung von Hertha BSC, wobei in der Öffentlichkeit besonders von Michael Preetz und Paul Keuter gegen uns geschossen wurde. Spätestens das Statement von Preetz, in Bezug auf das Spruchband gegen die Kölner, brachte große Teile der Ostkurve gegen die Geschäftsführung auf. Dass den Offiziellen dieses Spruchband nicht gefällt, ist uns klar, doch die Aussage „Ich kann nicht erkennen, dass das Hertha-Fans sind.“ war der Gipfel an Peinlichkeiten in der Beziehung zwischen Fans und Geschäftsstelle. Realitätsfremder kann ein Manager kaum sein, gerade wenn diese Person selbst Mitverantwortung dafür trägt, dass viele Herthaner zwar weiterhin Herthaner sind, sich jedoch vom Verein immer weiter abwenden und auch nur noch selten die Heim- oder Auswärtsspiele besuchen. Dieser Trend zeichnet sich schon seit einigen Jahren ab, doch unsere Interventionen und Kritiken wurden jedes Mal ignoriert oder abgewiesen. Anstatt die Bindung zu den Bewohnern und Vierteln unserer Stadt zu stärken, setzt Hertha mittlerweile nur noch auf Marketingagenturen und Social-Media-Aktivitäten. Seit Neuestem investiert die Geschäftsführung Geld und Zeit in eine E-Sportakademie oder diskutiert öffentlich über einen Stadionneubau in Brandenburg, während die Identifikation mit Hertha immer weiter schwindet und die Präsenz in der eigenen Stadt kaum noch spürbar ist. Dass diese Entwicklung spätestens mit dem Einstieg des amerikanischen Investors KKR im Jahr 2014 – und zusätzlich zwei Jahre später durch die Installation des ehemaligen Twitter-Manager Paul Keuter als Geschäftsleitungsmitglied – richtig Fahrt aufgenommen hat, wird wohl kein Zufall sein und darf gerne als abschreckendes Beispiel für die Auswüchse des modernen Fußball in Deutschland dienen!

Zum Start der Rückrunde ging es dann endlich mal wieder an einem Samstag auswärts und dann auch noch gleich nach Stuttgart. Der KSC hatte noch Winterpause, weshalb wir uns mit einer großen Abordnung Karlsruher am Stadtrand von Stuttgart trafen und per S-Bahn in Richtung Bad Cannstatt fuhren. Natürlich blieb der Haufen von rund 300 – 350 Leuten nicht lange unentdeckt, was zur Folge hatte, dass wir eine Station vorm Stadion von einem großen Bullenaufgebot in Empfang genommen wurden. Aufgrund der zahlreichen Unterstützung der Karlsruher Freunde wurde die große Freundschaftsfahne „Vereint in den Farben – Vereint gegen alle“ seitlich am Gästeblock in Richtung der Schwaben angebracht. Die erste Halbzeit begann im Neckarstadion mit einer Schweigeminute für ein verstorbenes Mitglied des „Commando Cannstatt“, an der sich auch der gesamte Gästeblock mit etwa 2.500 Leuten beteiligte. Eine Selbstverständlichkeit, trotz der Rivalität zwischen unseren beiden Vereinen, einem verstorbenen Fan diesen Respekt zu erweisen. Umso lauter wurde es dann im Anschluss. Ein Sieg im Schwabenland blieb uns aber auch in diesem Jahr nicht vergönnt, bei der Leistung die uns auf dem Platz geboten wurde, war das aber auch nicht verwunderlich.

Das erste Heimspiel der Rückrunde sollte an einem Freitagabend gegen Borussia Dortmund ausgetragen werden. Nach der großen Jubiläumschoreo im ersten Heimspiel gab es an diesem Abend die zweite große Choreo der Saison. Insgesamt fast 20.000 Wurfrollen wurden über die gesamte Ostkurve verteilt und zum Einlaufen der Mannschaften in den Abendhimmel geworfen. Die Koordination zwischen Ober- und Unterrang gestaltete sich etwas schwierig, weshalb oben etwas früher geworfen wurde als unten und somit der Regen an Wurfrollen leider nicht ganz die gewünschte Intensität hatte. Negativer Begleitumstand des Abends war mal wieder der Stress mit Hertha, denn nachdem wir das Spruchbandverbot in der Hinrunde bei eigentlich jedem Heimspiel ignoriert hatten, wurde dieses ohne Ankündigung einfach unbefristet ausgeweitet. Die Verhandlungen mit der Fanbetreuung um die somit nicht genehmigten Spruchbänder „Kiezsport statt E-Sport!“, „Keuters großes Kick-Off Event… Wenn keiner mehr ins Stadion rennt!“ und „Videobeweis abschalten!“ waren dermaßen langwierig und sinnlos, dass die Spruchbänder einfach kurzerhand im großen Mob ins Stadion gebracht wurden. Dieser Affront gegenüber Herthas Geschäftsführung war Auslöser für die nächsten Sanktionen und es folgten Stadionverbote für zwei jüngere Mitglieder, die angeblich beim Ausrollen der Spruchbänder identifiziert werden konnten. Zusätzlich investierte Hertha mehrere Tausend Euro in eine Überwachungskamera, die seit dem darauf folgenden Heimspiel direkt vor der Ostkurve aufgestellt wurde. Einen versöhnlichen Abschluss gab es trotzdem, denn gegen den BVB zeigte die Mannschaft besonders in der zweiten Hälfte eine starke Leistung und belohnte die Herthaner im Olympiastadion mit einem 1:1 Unentschieden.

Doch das Ende war noch lange nicht in Sicht, denn nur zwei Wochen später gab es kurz vor dem nächsten Heimspiel gegen Hoffenheim das nächste Theater. Zwei Tage vor dem Spiel erreichte unseren Vorsänger eine E-Mail mit massiven Auflagen für die geplante Zettelaktion zum Thema „50+1“ und alle weiteren in Zukunft stattfinden Aktionen. Begleitende Ordner beim Einlass und während des gesamten Choreoaufbau, Kontrolle und Freigabe von Aufschriften der Choreomaterialien und das Verbot der bildlichen Darstellung und namentliche Nennung von Personen waren neben anderen Punkten dann zu viel des Guten. Die Choreo wurde von uns abgesagt und eine ausführliche Mitteilung an die gesamte Ostkurve veröffentlicht, dass unter diesen Umständen keine weiteren Choreos organisiert werden. In dieser schwierigen Situation bekamen wir sofort Unterstützung der anderen aktiven Gruppen der Ostkurve Hertha BSC. Die „Hauptstadtmafia“ zum Beispiel fertigte für das Heimspiel zwei große Spruchbänder an und zeigte damit deutlich, dass die Ostkurve in dieser Situation gemeinsam gegen die Vereinsführung zusammen steht. „Eure Choreoauflagen sind absurd – Ist das Euer Angebot zum Dialog?“ und „Das Imageproblem ist hausgemacht – Hertha findet im Stadion und nicht auf Facebook statt!“ wurden von den Jungs während des Spiels gegen Hoffenheim gezeigt. Natürlich ließen auch wir es uns nicht nehmen, nochmal unsere Meinung per Spruchband zu äußern, was mit „Spruchbandverbote halten uns nicht auf – Eure Sanktionen nehmen wir in Kauf!“ deutlich getan wurde. Dieses Spiel gegen Hoffenheim war übrigens eines der am schlechtesten besuchten Bundesliga-Heimspiele von Hertha seit ganz langer Zeit. Offiziell waren an diesem Samstag zwar 32.598 Zuschauer im Olympiastadion, doch inoffiziell passierten nur rund 22.500 Zuschauer auch wirklich die Drehkreuze an den Eingangstoren. Soviel also zu den wirklichen Problemen bei Hertha BSC!

Gründe zur Freude gab es dann wieder am nächsten Wochenende, auch wenn insgesamt nur 1.100 Herthaner nach Leverkusen reisten, wovon am Ende auch nur rund die Hälfte direkt aus Berlin kam. Die wenigen die gekommen waren, waren dafür umso lauter und hatten auch zweimal Grund zum Jubeln. Der klare Favorit aus Leverkusen wurde mit 0:2 erledigt, während wir mit dem Spruchband „Kämpfen Brösel!“ noch einen Genesungswunsch an einen alten Begleiter unserer Gruppe sendeten. Doch die gute Stimmung aus Leverkusen war schnell wieder verflogen, denn das folgende Heimspiel gegen Mainz ging mit 0:2 klar an die Gäste aus Rheinhessen. Auch bei diesem Heimspiel gab es wieder kritische Spruchbänder gegen Herthas Führungsriege, dieses Mal von der „Hauptstadtmafia“ und den „Ragazzi della Curva“. Auf dieses Heimspiel folgten zwei Auswärtsauftritte. Das erste Spiel in der Ferne bot wenig Berauschendes, allerdings konnte ein Punkt in München beim FC Bayern entführt werden. Unsere Hertha ist mit dem 2:2 in der Hinrunde und dem 0:0 im Rückspiel der einzige Club in dieser Spielzeit, der in beiden Spielen keine Niederlage gegen den Rekordmeister kassierte. In der folgenden Woche ging es für die Gruppen der Ostkurve Hertha BSC dann in den Ruhrpott. Bereits kurz nach Mitternacht startete die Auswärtsfahrt, denn per WE-Ticket ging es mit rund 200 Herthanern in Richtung Gelsenkirchen. Einen kleinen Zwischenstopp gab es für den Zugfahrerhaufen noch im Bochumer Kneipenviertel „Bermudadreieck“, ehe es später unter massiver Polizeibegleitung, inklusive einem Helikopter, nach Gelsenkirchen ging. Im Gästeblock versammelten sich dann insgesamt knapp 1.800 Herthaner. Wurde die Mannschaft in der ersten Hälfte noch gut und adäquat unterstützt, sang sich der Gästeblock im Laufe der zweiten Hälfte zu „In meinem Zimmer hängt ein Wimpel“ nahezu in einen Rauschzustand. Eine gute Visitenkarte, die da im zweiten Durchgang abgegeben wurde, allerdings fehlte insgesamt die nötige Masse an Leuten um wirklich die komplette Turnhalle zu beschallen.

Zum unserem Heimspiel gegen den SC Freiburg gab es dann einen großen Besuch unserer Karlsruher Brüder, die mit einem Bus bereits am Morgen in Berlin angekommen waren. Gemeinsam wurde sich auf das Heimspiel eingestimmt, doch auch die Unterstützung aus Baden sollte an diesem Samstag nicht reichen. Das 0:0 gegen Freiburg bot wenig Anlass zum Feiern und so wurde nach dem Spiel eben die Freundschaft nach Karlsruhe betrunken, um dann am nächsten Morgen zusammen mit dem Bus aus Karlsruhe, zwei Bussen Hertha Ultras und insgesamt rund 150 Herthanern nach Erfurt zu reisen und dort den Sieg des KSC live zu erleben.

Das Restprogramm der Rückrunde bot kaum Aufregendes, wobei das Heimspiel gegen Wolfsburg nochmal genutzt wurde um etwas mit den Muskeln zu spielen. In den verschiedenen Stadtvierteln Berlins organisierten sich zahlreiche Gruppen um per Spruchbändern nochmal deutlich zu zeigen, was die Ostkurve von der Geschäftsführung und der aktuellen Ausrichtung unseres Vereins hält. Während des Spiels wurden insgesamt über dreißig Spruchbänder gezeigt und somit nochmal die Einheit der Ostkurve symbolisiert. Das folgende Heimspiel gegen Köln wurde genutzt um das jährliche „Spendet Becher – Rettet Leben!“ durchzuführen. Auch in diesem Jahr beteiligten sich neben uns wieder viele Leute aus Herthas Fanszene und auch die Gästefans an der Pfandbecher-Sammelaktion und am Ende konnten wir insgesamt 20.000 Euro an den Berliner „Nestwärme e.V.“ übergeben. In der Folgewoche ging es mit mehreren Bussen nach Frankfurt. Die Gruppen der Ostkurve Hertha BSC verteilten sich auf zwei Doppeldecker und zwei normale Busse, sowie mehrere Neuner. Noch vor Frankfurt wartete dann ein riesiges Bullenaufgebot und nahm die Busse in Empfang. Ein Bus konnte allerdings noch eine kleine, unbewachte Stadtrundfahrt einlegen. Insgesamt blieb die Anreise nach Frankfurt aber ruhig. Der Block startete dann lautstark ins Spiel, ließ aber im Laufe der ersten Hälfte stark nach. Bis auf wenige Ausnahmen war das bis zur Pause nicht zufriedenstellend. Die zweite Hälfte begann mit der „Vereint in den Farben – Vereint gegen Alle“ – Freundschaftsfahne, da aufgrund einer kurzfristigen Spielverlegung des Gastspiels der Karlsruher in Zwickau eine Busbesatzung badischer Ultras begrüßt werden konnte. Im Anschluss und mit den folgenden Treffern durch Selke und Leckie steigerte sich die Stimmung und es konnten immer wieder gute Akzente gesetzt werden.

Im letzten Auswärtsspiel der Saison hatten wir, dank der protestierenden Heimkurve in Hannover, kaum Probleme für ordentlichen Wirbel im Stadion zu sorgen. Einem Großteil der Herthaner verging allerdings spätestens nach dem 0:3 die Lust am Support, so dass sich unser Vorsänger im zweiten Durchgang komplett raus nahm und die Lieder und Schlachtrufe aus dem Block heraus angestimmt wurden. Natürlich litt darunter die Lautstärke der Gesänge, doch die fehlende Motivation sollte bei dieser Darbietung verständlich sein. Neben all dem Ärger über das Spiel, gab es zusätzlich zu den vielen Schwenkfahnen auch noch ein kleines Spruchband im Block, wobei der Spruch „Kind muss weg!“ wohl keiner weiteren Erklärung bedarf.

Wie schon in den letzten Jahren praktiziert, wurde das letzte Heimspiel für einen großen Fanmarsch zum Olympiastadion genutzt. Der diesjährige Marsch wurde unter das Motto „125 Jahre Hertha BSC“ gestellt, womit für uns das Jubiläumsjahr beendet wurde. Rund 3.000 Herthaner zogen mit vielen Schwenkfahnen und jeder Menge Pyro gemeinsam zum Heimspiel, um dann im Olympiastadion nochmal deutlich zu zeigen, dass das Werbekonstrukt aus Leipzig für uns nicht zur Bundesliga gehört. Zu Spielbeginn gab es von uns noch einen „125 Jahre Hertha BSC“ – Schriftzug auf großen Doppelhaltern, die zu Beginn der zweiten Hälfte dann abgewandelt ein „Nein zu RB“ ergaben. Zudem gab es von mehreren Gruppen der Ostkurve Spruchbänder gegen den Gegner, was die Überlegenheit der Gäste aber in keiner Weise stoppen konnte. Mit 2:6 mussten wir uns dem Werbekonstrukt geschlagen geben und miterleben wie über 10.000 Anhänger von Red Bull den Einzug in die Europa League feierten. Bei einem großen Abschlussgrillen nach der Partie wurde eine zum Teil aufregende, doch leider auch sehr frustrierende Saison beendet. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich unsere Hertha in den nächsten Jahren entwickeln wird. Aktuell jedenfalls, fällt die Identifikation mit dem eigenen Verein so schwer wie noch nie!

Saison 2017/2018: Europa League
Nach über 8 Jahren Abstinenz durfte sich unserer Hertha wieder in Europa präsentieren und mit ihr sollte die Fanszene eine bunte Tour, quer über den ganzen Kontinent erleben. Mit dem Athletic Club aus Bilbao, FK Sorya Luhansk und Östersunds FK blieben die ganze großen Lose für uns aus. Doch Europacup-Auslosungen sind keine Wunschkonzerte und wer Hertha BSC ein bisschen genauer verfolgt, wird feststellen, dass uns das Losglück in der Europa League bzw. dem ehemaligen UEFA-Cup nie wirklich treu war. Völlig unbekannt, dafür umso exotischer, klangen im Vergleich zu den Träumereien die Namen Luhansk und Östersund. Lediglich Bilbao dürfte den meisten Berlinern auch schon vor der Auslosung ein Begriff auf der Fußballlandkarte gewesen sein.

Bei unseren Planungen für die Auswärtsfahrten war relativ schnell klar, dass das letzte Auswärtsspiel der Gruppenphase in Bilbao per Flugzeug angesteuert wird. Gute Verbindungen mit jeweils einem Umstieg gab es genug, was dann auch dazu führte, dass eine kleine Invasion ins Baskenland startete. Schwieriger gestaltete sich die Planung beim ersten Trip nach Schweden, denn das kleine Örtchen Östersund liegt mitten im Landesinneren und ist nochmal gut 600 Kilometer von Stockholm entfernt. Dass dort überhaupt Fußball gespielt wird, hatte vorher mit Sicherheit niemand auf dem Plan. Während die „Hauptstadtmafia“, deren Umfeld und der Großteil der älteren Ultras und Fans die Variante Flug bis Stockholm und weiter mit PKWs und 9ern bevorzugte, fand sich eine Besatzung aus „Harlekins Berlin“ plus Umfeld zusammen, die sich fest vorgenommen hatte die komplette Tour auf dem Hin- und Rückweg per Bus zu bestreiten. Blieb also noch Luhansk übrig, wobei schnell klar war, dass die Ukrainer nicht in ihrer Heimatstadt spielen werden. Nach einigen Gerüchten und Vermutungen wurde schnell Lemberg (Lwiw) als Austragungsort bekannt gegeben, was mit knapp unter 1.000 Kilometern Distanz für Berliner Auswärtsfahrer keine große Distanz ist. Die Idee einen Sonderzug zu organisieren, wurde schnell wieder verworfen, denn spätestens an der Grenze von Polen zur Ukraine wäre Schluss gewesen, denn die Ukraine verfügt über eine andere Spurbreite im Schienennetz der Eisenbahn. Also wurden Busse für die Fahrt nach Lemberg gechartert.

1. Spieltag, Europa League: Hertha BSC – Athletic Club Bilbao 0:0

Das Abenteuer Europa begann mit einem Heimspiel gegen Bilbao. Blöderweise ergab die Auslosung, dass alle drei Heimpartien von Hertha um 21:05 Uhr angepfiffen werden sollten, was bei längeren An- und Abreisezeiten in Berlin und dem Umland mit Sicherheit den einen oder anderen Herthaner im Stadion kostete. Doch trotzdem waren Euphorie und Spannung an diesem Abend im September vorprogrammiert. Die Motivation der Herthaner im Olympiastadion, unseren Verein auf der europäischen Bühne würdig zu vertreten, war von Anfang an spürbar. Die Ostkurve war bis auf den letzten Platz gefüllt und startete gleich auf einem guten Niveau. Die nervöse Anfangsphase unserer Mannschaft übertrug sich noch etwas auf die Leistung in der Kurve, doch spätestens mit den ersten Angriffen unserer Hertha nach etwa dreißig Minuten war der Bann dann gebrochen. Bis nach Spielende gab es laute Gesänge, welche von der gesamten Ostkurve inklusive gut besetztem Oberrang getragen wurden. Leider blieb uns das entscheidende 1:0 verwehrt, was mit Sicherheit zur Eskalation der Stimmung beigetragen hätte. Trotz dessen blieb es, auch dank der starken Leistung unserer Mannschaft, im zweiten Durchgang eine phantastische Atmosphäre im Olympiastadion und ein sehr guter Start unserer Hertha in die Europa League – Saison. Am Ende trennten sich beide Teams 0:0, somit konnte man dem Favoriten in der Gruppe zu mindestens einen Punkt abringen.

2. Spieltag, Europa League: Östersunds FK – Hertha BSC 1:0

Für große Aufregung sorgte dann das erste Auswärtsspiel in unserer Gruppe. Östersund ist selbst im Zeitalter von Easyjet und Ryanair relativ schwer zu erreichen, denn der kleine Ort in Mittelschweden verfügt über keinen internationalen Flughafen. Somit machten sich viele Herthaner per Flieger auf den Weg nach Stockholm und bewältigten den Rest der landschaftlich sehr schönen Strecke durch das halbe Schweden per Auto oder 9er. Außerdem waren auch noch einige 9er direkt aus Berlin unterwegs und auch per Bahn reiste eine kleinere Gruppe an. Zudem fuhren zwei Busse nach Östersund, eine Busbesatzung bestehend aus Ultras und Umfeld und ein weiterer Bus mit älteren Herthanern, welche auf dem Hinweg eine Übernachtungspause einlegten. Die längste Anreise hatte allerdings eine 9er-Besatzung aus Karlsruhe hinter sich, einfache Strecke rund 2.000 Kilometer!

Treffpunkt am Spieltag war das kleine Zentrum von Östersund. Die Kreditkarten glühten und der ein oder andere Berliner strapazierte, bei Bierpreisen von 5-8 Euro, ganz schön seinen Dispo. Später sammelten sich dann etwa 250 Herthaner auf dem Marktplatz und zu Fuß ging es an den Stadtrand von Östersund, wo die kleine Arena mitten im Wald neben einem Supermarkt errichtet wurde. Das Stadion besteht aus einer kleinen Haupttribüne, einer noch kleineren Gegengerade und zwei Stahlrohr-Hintertortribünen. Die 400 Gästekarten für Herthas Block waren sofort vergriffen, so dass Östersund nochmal 250 Tickets frei gab und der ursprüngliche Gästeblock hinter dem Tor etwas verbreitert wurde. Das kleine Stadion war mit 8.900 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt.

Mit viel Elan und Vorfreude starteten wir mit dem Support, wurden jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Zu Spielbeginn wurde zudem ein Spruchband für ein schwer erkranktes Mitglied von uns ausgerollt, welchem auf diesem Weg eine gute Genesung gewünscht wurde: „We love you Tender! Lack ‘n‘ Roll!“ Nach dem frühen Gegentreffer war die große Euphorie verflogen und der Auftritt des Teams in der ersten Hälfte konnte die leicht gedrückte Stimmung auch nicht wirklich verbessern. Mit Beginn der zweiten Hälfte raffte sich der Gästeblock dann nochmal auf und startete schwungvoll mit dem Support. Untermalt wurde der Wiederanpfiff mit einigen Fackeln und Schwenkfahnen, ehe es gegen Ende der Partie wieder deutlich ruhiger wurde. Verdient wurde das Spiel gegen den schwedischen Pokalsieger mit 1:0 verloren.

Mit hängenden Köpfen ging es für uns nach der Partie zurück ins kleine Zentrum von Östersund, wo wir uns im Laufe des Abends auf diverse Lokalitäten verteilten. Für mächtigen Ärger sorgte zuvor jedoch noch Mitchell Weiser, der nach dem Abpfiff des Spiels beim Weg in Richtung Gästefans abdrehte und mit einer herabwürdigenden Handbewegung sämtlichen Kredit beim Großteil der Herthaner verspielte. In der Nacht sammelte sich ein größerer Haufen Herthaner dann nochmal in einer Sportsbar im Zentrum, wo die freundlichen Schweden noch einige Runden Bier und Schnaps ausgaben, ehe die Auto- und Busbesatzungen wieder aufbrachen. Irgendwann in der Nacht kam es dann mitten im schwedischen Nirgendwo noch zu einer Begegnung der besonderen Art, denn einer der beiden Busse rammte einen Elch auf einer Schnellstraße. Die schwedische Polizei erledigte das Tier nach zwei Stunden Wartezeit mit drei gezielten Schüssen in den Kopf, ehe der Bus mit einer stark lädierten und nur vom Panzertape zusammen gehaltenen Frontscheibe weiter fuhr. Ankunft in Berlin war dann am Samstag gegen 13 Uhr, nach über 70 Stunden Auswärtsfahrt im Bus.

3. Spieltag, Europa League: FK Sorya Luhansk – Hertha BSC 2:1

Mit großer Spannung wurde natürlich das Auswärtsspiel in der Ukraine erwartet, auch wenn der Spielort Lemberg für die eine oder andere Enttäuschung sorgte. Kurioserweise hatte die „Heimfans“ durch die Verlegung des Spiels nach Lemberg eine längere Anreise als wir Herthaner! Im Vorfeld wurden in Berlin rund 600 Gästetickets abgesetzt und die Fanszene reiste mit vier Bussen in Richtung Osten. Erste Probleme gab es bereits beim Start in Berlin, denn einer der angemieteten Busse kam einfach nicht, ein weiterer stand noch in der Werkstatt und musste repariert werden. Somit verzögerte sich die Abfahrt der beiden Busse um mehrere Stunden, weshalb wir nicht geschlossen durch Polen reisen konnten. Nach über 3 Stunden kam dann endlich auch der Bus aus der Werkstatt und ein Ersatzbus für den nicht erschienen Bus. Dieser Ersatzbus war allerdings nur ein Regionalbus ohne Toilette und hatte auch nur einen Busfahrer für die gesamte Hin- und Rücktour. Uns egal, Zeit hatten wie eh keine mehr, also ging die Reise los!

Die Grenze von Deutschland nach Polen passierten wir ohne Probleme. Auch die ersten Meldungen, dass die polnischen Bullen die Busse begleiten werden, bestätigten sich für diese beiden Busbesatzungen nicht. Auch die Fahrt durch Polen verlief ohne Probleme, ehe wir gegen Mittag endlich an der Grenze zur Ukraine waren. Das Zeitfenster wurde immer kleiner, denn Anpfiff für unser Spiel war bereits um 19 Uhr. Doch nach nicht mal 3 Stunden hatten wir auch die relativ lasche Grenzkontrolle hinter uns gebracht, wobei unser Busfahrer mit etwas Schmiergeld und wir mit etwas Bier, zum guten Gelingen beim Grenzübertritt beitrugen. Nun waren es noch knapp zwei Stunden Busfahrt bis in Zentrum von Lemberg, welches wir zwischen 15 – 16 Uhr erreichten. Mehr als die Hälfte der mitgereisten Herthaner sammelte sich im Laufe des Nachmittags in der Altstadt in einer kleinen Kneipenstraße, ehe es später per Shuttlebussen zur Arena Lwiw ging. Diese liegt am Stadtrand und wurde zu Europameisterschaft 2012 neu errichtet. Auf dem Weg dorthin gab es dann noch einen kleinen Angriff von einheimischen Karpaty-Fans, die nach den Steinwürfen auf einen der Busse aber sofort das Weite suchten.

Am Stadion gab es dann mächtig Ärger mit den Securitys, denn diese strapazierten mit ihren Dreifachkontrollen die Nerven aller Herthaner. Die Lage war kurz vor der Eskalation, ehe dann doch noch der letzte Herthaner mit dem Anpfiff im Block war. Die mitgebrachten Schwenkfahnenstangen schafften es leider nicht in den Block und somit mussten wir uns komplett auf unsere Stimmen verlassen. Der Support war über weite Phasen in Ordnung, in Anbetracht der sportlichen Leistung der Mannschaft aber auch nicht gerade euphorisch. Hertha präsentierte sich erneut sehr schwach und ließ nach der desaströsen Niederlage in Östersund, auch die drei Punkte in Lemberg liegen. Im nahezu leeren Stadion konnten wir unter dem Strich trotzdem eine gute Visitenkarte abgeben, was nach dem Abpfiff mit Applaus der Zuschauer in den umliegenden Blöcken quittiert wurde. Zu Ehren des Todestages von Carsten Grab wurde eine kleine Gedenkfahne über die „Ultras“-Fahne gehangen.

Die Nacht wurde von den Busbesatzungen dann in einem Plattenbauviertel, direkt am Lemberger Busbahnhof verbracht. Unsere Busfahrer musste wenigstens ein paar Minuten die Augen schließen, um irgendwie die Rückfahrt überstehen zu können. Wir kauften noch etwas Proviant und billigen Wodka ein, ehe der ein oder andere übermüdete Auswärtsfahrer für ein paar Minuten die Augen schließen konnte. Der Rückweg nach Berlin gestaltete sich dann deutlich komplizierter als gedacht, denn an der Grenze von der Ukraine zu Polen mussten die Busbesatzungen zwischen vier und acht Stunden warten. Ab diesem Grenzübergang gab es dann zusätzlich Begleitung durch die polnische Polizei bis hinter Breslau, ehe Berlin dann ohne Zwischenfälle am Freitagabend erreicht wurde.

4. Spieltag, Europa League: Hertha BSC – FK Sorya Luhansk 2:0

Nach dem Unentschieden gegen Bilbao und den beiden Auswärtsniederlagen in Schweden und der Ukraine war ein Heimsieg gegen Luhansk absolute Pflicht. Ganz voll war die Ostkurve an diesem Abend jedoch nicht. Diejenigen, die heut in der Kurve standen, nahmen das leere Rund und den damit verbundenen Hall zum Anlass, um gemeinsam den eigenen Verein, das gute Spiel der eigenen Mannschaft und den Sieg zu zelebrieren. Dieser Abend war wieder ein Beweis, dass auch mit einer kleinen Kulisse eine gute Atmosphäre im Olympiastadion möglich ist. Die Partie konnte souverän mit 2:0 gewonnen werden, was gut für das Punktekonto, die Moral der Mannschaft und die Laune der etwa 20.000 Herthaner war.

5. Spieltag, Europa League: Athletic Club Bilbao – Hertha BSC 3:2

Rund 3.500 Herthaner fanden sich zum wichtigen Spiel im Baskenland ein. Dieses vorletzte Spiel in der Gruppenphase stand schon unter dem Motto „Alles oder nichts!“ Nur durch einen Sieg konnte Hertha noch die Zwischenrunde erreichen. Bereits am Vortag machten zahlreiche Berliner die Gegend in und um Bilbao unsicher, ehe am Abend vor dem Spiel rund 300 Herthanern in der historischen Altstadt die Kneipen besetzten. Einige Einheimische sammelten sich zwar in nahen Kneipe, hielten aber Abstand und wurden letztendlich auch in Ruhe gelassen. Am Spieltag selbst wurden zwei Kneipen in der Innenstadt als erster Anlaufpunkt ausgerufen. Dort traf sich die Fanszene mit allen Vertretern und auch ein Haufen aus alten Tagen war mit dabei. Viele dieser Leute hatte man schon ewig nicht mehr bei Auswärtsspielen gesehen. Nach mehreren Stunden ausgelassener Europapokalstimmung brach der Mob zum wenige Meter entfernten Treffpunkt Plaza Moyua auf, von wo später der gemeinsame Marsch zum Stadion startete. An diesem dürften etwa 2.000 Herthaner teilgenommen haben und somit wurden schon weit vor Anpfiff die ersten lauten Gesänge durch die Gassen Bilbaos geschmettert.

Der Heimverein und die Bullen hatten im Vorfeld des Spiels sämtliche Materialien mit Ultras-Schriftzügen verboten. Nach einigen Diskussionen einigte man sich intern darauf, die alte „Hertha BSC Harlekins“-Fahne aus dem Keller zu holen und auf die angestammte Auswärtsfahne zu verzichten. Das Schmuggeln der großen Fahne wäre zu riskant gewesen und ein Boykott der Partie kam nach interner Diskussion für uns nicht in Frage. Die Stimmung war entsprechend der Masse an Herthanern und des starken Spiels der Mannschaft, auch trotz fehlender Megafone und Trommeln, über große Strecken bärenstark. Der gesamte Block war willens den Sieg mit nach Hause zu nehmen, dass spürte man in den Gesängen und der ausufernden Euphorie nach den Herthatoren. Nach dem 2:2 Ausgleich ebbte die sehr gute Stimmung etwas ab, aber trotzdem zeigten die rund 3.500 Herthaner an diesem Abend einen der besten Auftritte der letzten Zeit. Unterstützung gab es in Bilbao von etwa 50 Karlsruher Ultras und Fans, sowie vier Ultras aus Strasbourg. Als Bilbao dann etwa 10 Minuten vor dem Abpfiff die 3:2 Führung gelang, herrschte erstmal Schockstarre im Gästeblock. Der Sieg war so nah und nun hatten die Basken in der zweiten Hälfte doch noch das Spiel gedreht. Fassungslosigkeit machte sich breit und die Gewissheit, dass das heute die letzte Europacupfahrt für lange Zeit gewesen sein wird, wurde immer größer.

Nach dem Spiel gab es dann noch ein kurzes Hin und Her auf dem Stadionvorplatz, ehe rund 1.000 Herthaner zusammen in Richtung Zentrum zogen und die Nacht in verschiedensten Kneipen und Clubs verbrachten. Auch am nächsten Tag waren die Farben Blau und Weiß noch überall im Stadtbild von Bilbao präsent, ehe es am Wochenende für fast alle Herthaner wieder nach Hause, oder gleich weiter zum Auswärtsspiel nach Köln ging.

6. Spieltag, Europa League: Hertha BSC – Östersunds FK 1:1

Unsere Hertha war bereits vor dem Spiel ausgeschieden, während die Gäste aus Schweden im Fernduell mit Bilbao „nur“ noch um den Gruppensieg kämpften, aber schon sicher für die Zwischenrunde qualifiziert waren. Entsprechend egal war es, was auf dem grünen Geläuf geboten werden würde. Vor einer traurigen Gesamtkulisse von maximal 10.000 Zuschauern wurde also das letzte Spiel der Europe League – Gruppenphase angepfiffen. Die Mannschaft rettete wenigstens noch einen Punkt, doch das interessierte am Ende eh keinen Herthaner mehr. Somit nehmen wir Abschied von einer kurzen Europacup-Saison und blicken mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück!

Nur zur Hälfte gefüllt war die Ostkurve an diesem Abend. Laut wurde es nur, weil das kompakt stehende Zentrum der Kurve den Hall des leeren Stadions nutzen konnte um die Gesänge durchs Olympiastadion schallen zu lassen. In der zweiten Halbzeit wurde die Stimmung dann durch einige spaßige Elemente aufgeheitert, ehe nochmal eine kleine Schippe beim Support draufgelegt werden konnte. Ebenfalls mit ganz viel Spaß versehen wurde das rot-schwarze Spruchband der „Hauptstadtmafia“, welches zu Spielbeginn im Gästeblock auftauchte. Mit einem „Elchmörder!“ in den Vereinsfarben von Östersund wurde nochmal an das Hinspiel und die beschwerliche An- und Abreise einiger Herthaner erinnert.